Über Kafkas Landarzt
- 22. März
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Aktualisiert: vor 1 Stunde
von Harald Salfellner
Es ist etwas Besonderes,
sein Haus zu haben.
Franz Kafka
Kristallklare Prosa
Nach einer zweijährigen Schaffenspause kam Kafkas Schöpferkraft im Winter 1916/17 in der Stille des Goldenen Gäßchens zu einem neuerlichen Ausbruch, was die Entstehung einer Serie von Prosastücken zur Folge hatte. Damals entstanden unter anderem jene elf Geschichten, die dann 1919/20 den Bestand des Bandes Ein Landarzt bildeten.

Der genaue Zeitpunkt der Niederschrift ist nicht bei allen Erzählungen bekannt. Zwei der Texte sind gewiss früherer Herkunft: Das Gleichnis Vor dem Gesetz aus dem Process-Manuskript, das schon 1915 in der jüdischen Wochenschrift Selbstwehr gedruckt worden war, und die zwischen August 1914 und Juli 1916 abgefaßte Erzählung Ein Traum, die erstmals Mitte Dezember 1916 in einer Sammelschrift der Selbstwehr unter dem Titel Das jüdische Prag veröffentlicht worden war, sowie am 6. Januar 1917 im Prager Tagblatt. Ins neue, leider nicht auf uns gekommene erste Oktavheft, das ihm zwischen Mitte Dezember 1916 und etwa Mitte Januar 1917 als literarisches Notizbuch diente, notierte Kafka die Titelerzählung Ein Landarzt sowie die Prosastücke Auf der Galerie, Das nächste Dorf und Ein Brudermord. Vermutlich Anfang Februar 1917 schuf er die Erzählungen Schakale und Araber sowie Der neue Advokat. Im März entstanden Ein altes Blatt, Eine kaiserliche Botschaft (aus der Erzählung Beim Bau der Chinesischen Mauer) und möglicherweise auch die schwer datierbaren Elf Söhne. Zu Beginn des April 1917 brachte Kafka Ein Bericht für eine Akademie zu Papier, gefolgt vom jedenfalls schon vor August verfaßten Die Sorge des Hausvaters. Den Abschluß des Konvolutes bildete Ende April die Geschichte Ein Besuch im Bergwerk.
Im Frühling 1917 wandte sich Max Brod, ein überzeugter Verfechter des zionistischen Gedankens, an den in Deutschland lebenden Religionsphilosophen Martin Buber, der seit April 1916 gemeinsam mit Salman Schocken die Monatsschrift Der Jude herausgab: „Sie sollten an Kafka wegen dichterischer Beiträge schreiben. Er hat viele kleine wunderschöne Prosastücke, Legenden, Märchen in letzter Zeit geschrieben.“1 Umgehend bat Buber den Dichter um Manuskripte, so schickte Kafka am 22. April 1917 zwölf Stücke zur Auswahl, die er später unter dem gemeinsamen Titel Verantwortung herauszugeben beabsichtigte. Buber entschied sich für die Erzählungen Schakale und Araber und Ein Bericht für eine Akademie. Kafka zeigte sich über die Publikationsmöglichkeit in dem zionistischen Organ erfreut und schmeichelte dem Herausgeber: „So komme ich also doch noch in den ‚Juden‘ und habe es immer für unmöglich gehalten.“2 Den von Buber vorgeschlagenen Gemeinschaftstitel Gleichnisse wies er dagegen zurück, die beiden Texte sollten unter dem bescheidenen Sammeltitel Zwei Tiergeschichten erscheinen.

Eine ganze Reihe der im Goldenen Gäßchen niedergeschriebenen Prosastücke war letztlich nicht für den Landarzt-Band bestimmt. So etwa eine Parabel, die Max Brod 1931 unter dem Titel Die Brücke in die Sammlung Beim Bau der Chinesischen Mauer aufnahm sowie die fünf ins erste Oktavheft notierten Gestaltungsansätze zum Gruftwächter, die der Freund erst 1936 zugänglich machte.

Auf Ende Januar ist wohl die Niederschrift der von der Kohlennot inspirierten Geschichte Der Kübelreiter anzusetzen, die Kafka zunächst für den Landarzt-Band vorgesehen hatte und im Februar 1917 anläßlich einer literarischen Zusammenkunft in Oskar Baums Wohnung zum Besten gab. Dabei war auch der Prager Maler Friedrich Feigl zugegen, der Jahrzehnte später aus der Erinnerung das bekannte Portrait Kafka liest den Kübelreiter zeichnete. Der Text kam dann doch nicht in den Landarzt-Band, da ihn Kafka im Zuge der Korrekturvorgänge zurückzog. Im Februar 1917 notierte Kafka das später sogenannte Stück An alle meine Hausgenossen, in der zweiten Märzhälfte die Erzählung Der Schlag ans Hoftor – auch diese vorerst ohne Titel. Mit April 1917 ist das unter Der Nachbar bekannte Fragment zu datieren, in dem die „elend dünnen Wände“ zum Nachbarhäuschen Erwähnung finden, die den Ich-Erzähler vom allerdings ruhigen Anrainer Doktor Felix Knoll trennten, sowie das Prosastück Eine Kreuzung, das erst am 27. März 1931 in Willy Haas’ Periodikum Die literarische Welt veröffentlicht wurde. Über einen längeren Zeitraum hinweg entstanden die Erzählansätze und Bruchstücke des von Kafka im Dezember 1916 angelegten Jäger Gracchus.
Vom wichtigsten der im Alchimistengäßchen verfaßten Texte, der surrealen Titelgeschichte Ein Landarzt, hat sich der handschriftliche Wortlaut leider nicht erhalten. Unklar ist auch, ob Kafka bei der Niederschrift im Dezember 1916 oder Januar 1917 seinen Lieblingsonkel Siegfried Löwy vor Augen hatte, den Landarzt im mährischen Provinzstädtchen Triesch [Třešť], der Anfang 1917 gerade seinen 50. Geburtstag beging.

Aus den vielen Motiven der später exzessiv gedeuteten Erzählung ist vor allem die Blutwunde des Patienten interessant. Kafka deutete die Erzählung dann als Vorahnung seiner eigenen, im August 1917 in einem nächtlichen Blutsturz offenbar gewordenen Todeswunde: „Auch habe ich es selbst vorausgesagt. Erinnerst Du Dich an die Blutwunde im ,Landarzt‘?“3
Das vollständige Nachwort können Sie in unserer Prager Ausgabe von Kafkas Ein Landarzt lesen.
Anmerkungen
1. Max Brod am 7. IV. 1917 an Martin Buber, Br III, S. 639.
2. Franz Kafka am 12. V. 1917 an Martin Buber, Br III, S. 299.
3. Franz Kafka am 5. IX. 1917 an Max Brod, Br III, S. 314.

