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Über Betrachtung

  • 21. März
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Stunden

von Elisabeth Fuchs und Harald Salfellner


„Mein Buch, Büchlein, Heftchen

ist glücklich angenommen“

Franz Kafka an Felice Bauer


Betrachtung Meditation Franz Kafka
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Im Vorfeld der Betrachtung

 

Die Luft ist kaum erträglich im Motorraum der Prager Asbestwerke Hermann & Co. Die Hitze des Augusttages dringt aus der Fabrikhalle herein, es riecht nach Gas. Seit zwei Stunden schon arbeiten der Werkmeister und der Heizer fieberhaft; sie fluchen: Der Motor will einfach nicht zünden! Neben ihnen steht Franz Kafka. Helfen kann er nicht, denn er versteht nichts von der Technik der Maschinen. Doch das „& Co.“ draußen auf dem Firmenschild, das ist er: Dr. Franz Kafka, neunundzwanzig Jahre alt, Versicherungsangestellter, seit einem halben Jahr außerdem stiller Teilhaber seines Schwagers Karl Hermann an dieser Fabrik mit ihren vierzehn Maschinen – dem Modernsten, was 1912 zu haben ist – und damit Vorgesetzter der fünfundzwanzig Arbeiterinnen und Arbeiter, die in der Werkhalle ihren Dienst tun. Trotzdem gäbe es jetzt viel Wichtigeres! Kafka denkt an seine Manuskripte, die zu Hause auf dem Schreibtisch liegen, die gesichtet und geordnet werden müssen. Der junge Verleger Ernst Rowohlt hat sich für die Texte interessiert und möchte ein Buch herausbringen – Franz Kafkas allererstes eigenes Buch.


Franz Kafka als Doktor der Rechte 1906.
Franz Kafka als Doktor der Rechte, 1906.

Geschrieben hatte Kafka schon, als er noch Schüler des Altstädter Deutschen Gymnasiums in seiner Heimatstadt Prag war: Das waren vor allem Versuche des Jugendlichen gewesen, seine eigenen Probleme zu bewältigen, sich durch das Schreiben über sich selbst klar zu werden. Von diesen ersten Werken hat sich nichts erhalten, denn immer schon stand der junge Schriftsteller seinen Texten so kritisch gegenüber, dass er nicht zögerte, sie zu vernichten, wenn sie ihm nicht wirklich gelungen schienen. Während seines Jura-Studiums entstanden erste größere Arbeiten, die erste Fassung etwa von Beschreibung eines Kampfes oder dann, nachdem er 1906 zum Doktor der Rechte promoviert wurde, der Versuch Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande. Kurze Zeit später wurden erstmals kleine Prosastücke von ihm unter dem Titel Betrachtung in der Zeitschrift Hyperion abgedruckt. Seit 1908 jedoch war Franz Kafka nun Angestellter der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag, wo er mit dem Abfassen von Korrespondenzen und Berichten beschäftigt war – für literarische Texte blieben jetzt häufig nur die Nachtstunden, denn die Familie erwartete von ihm, dass er sich an den freien Nachmittagen möglichst oft um das Asbestwerk kümmerte.


Das Palais der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt  Franz Kafkas Arbeitsplatz
Das Palais der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt in der Straße Na Poříčí – Franz Kafkas Arbeitsplatz ab 1908.

Schon kurz nach dessen Gründung hatte Kafka in sein Tagebuch notiert: „Die Qual, die mir die Fabrik macht. Warum habe ich es hingehen lassen als man mich verpflichtete, daß ich nachmittags dort arbeiten werde. Nun zwingt mich niemand mit Gewalt, aber der Vater durch Vorwürfe, Karl durch Schweigen und mein Schuldbewußtsein. Ich weiß nichts von der Fabrik und stand bei der komissionellen Besichtigung heute früh nutzlos und wie geprügelt herum.1

 

 

Das erste Treffen mit dem Verleger

 

Wie wohl tat es da doch, die Asbestwerke, das Versicherungsbüro und die vorwurfsvollen Blicke der Familie einmal hinter sich zu lassen und mit dem Freund und damals schon bekannten Schriftsteller Max Brod wegzufahren aus Prag! Erst kürzlich, im Frühsommer 1912, hatte sich eine solche Gelegenheit ergeben: Ein Arzt hatte Kafka empfohlen, „wegen Verdauungsstörungen, minderem Körpergewichte und einer Reihe von nervösen Beschwerden [...] zumindest eine vierwöchige rationelle Kur in einer gutgeleiteten Anstalt durchzumachen“.2 


Max Brod
Max Brod (um 1900)

Kafka wollte diesen Sonderurlaub zunächst zu einer kleinen Ferienreise mit Max Brod nach Weimar nutzen, um sich dort etwa das Goethehaus, das Schillerhaus und die berühmte Großherzogliche Bibliothek anzusehen. Brod jedoch hatte auch noch anderes im Sinn: Als die Freunde auf dem Weg nach Weimar in Leipzig haltmachten, arrangierte er dort ein Treffen mit dem Verleger Ernst Rowohlt. Brod kannte Kafkas überaus kritische Einstellung zu der eigenen literarischen Produktion. Hier, so muss er sich gedacht haben, ist es nötig, dem Glück des Freundes ein wenig auf die Sprünge zu helfen. Was sich an diesem Nachmittag des 29. Juni 1912 in dem Leipziger Verlagsbüro abspielte, ist in dem Buch Autoren, Bücher, Abenteuer von Rowohlts Kompagnon, dem späteren Kafka-Verleger Kurt Wolff, nachzulesen. Kafka skizzierte in seinem Reisetagebuch jenes erste Treffen und notierte trocken und ein wenig ungläubig: „R. will ziemlich ernsthaft ein Buch von mir.3 

Zunächst blieb jedoch keine Zeit, sich über die genaue Bedeutung dieser Begegnung mit den beiden Verlegern Gedanken zu machen: Viel zu viel gab es in der Kulturstadt Weimar zu entdecken, und auch die Bekanntschaft mit Fräulein Margarethe Kirchner, der Tochter des Hausmeisters des Goethehauses, beschäftigte Kafka so, dass das Treffen mit den Verlegern in Leipzig zunächst in den Hintergrund rückte. Zudem lag auch noch ein knapp dreiwöchiger Aufenthalt im Naturheilsanatorium Jungborn im Harz vor ihm. Kafka nutzte diese Kurwochen, um die heute verlorene erste Fassung des Verschollenen voranzutreiben, an der er seit dem vergangenen Winter arbeitete. Als es mit dem Schreiben jedoch nicht so recht klappen wollte, regten sich in Kafka wieder Zweifel an seinen schriftstellerischen Fähigkeiten. Auch die geplante Herausgabe der Betrachtung stellte er damit wieder in Frage.

Nach Prag zurückgekehrt, machte er sich Anfang August 1912 dennoch daran, aus seiner bisherigen Produktion geeignete Stücke für den Druck auszuwählen.

 

Svatopluk-Čech-Brücke auf die Niklasstraße Franz Kafka Betrachtung Prag
Blick von der Svatopluk-Čech-Brücke auf die Niklasstraße. Im Eckgebäude links verfaßte Franz Kafka die Prosastücke für sein erstes Buch Betrachtung.

Zur Entstehungszeit der Texte

 

Abends dann, als er nach den quälenden Stunden in der Fabrik in seinem Zimmer in der Wohnung seiner Eltern in der Niklasstraße sitzt, ist das Dröhnen der Maschinen und der stechende Gasgeruch weit weg, nur das leise Rascheln der Manuskriptseiten und das Kratzen der Feder auf dem Papier sind zu hören. Kafka ist damit beschäftigt, einige Passagen aus seiner frühen Novelle Beschreibung eines Kampfes herauszulösen und zu selbständigen Texten umzuarbeiten. Acht Jahre ist es schon her, dass er mit jener Novelle begonnen hatte. Damals, 1904, waren gerade Russland und Japan im Krieg gelegen, und friedlicher war die Welt seitdem nicht geworden, spitzte sich doch gerade die Krise auf dem Balkan bedenklich zu. Dass damit der Weg bereitet war, der zwei Jahre später in den Ersten Weltkrieg führen sollte, konnte man 1912 schon erahnen – jedenfalls wenn man, wie Kafka, das Weltgeschehen stets aufmerksam beobachtete.

Auch sein eigenes Leben hatte sich in den vergangenen acht Jahren verändert. Nach der Promotion 1906 hatte Kafka zunächst das obligate Gerichtsjahr absolviert, erst am Landeszivilgericht am Obstmarkt, nach einem halben Jahr dann am Strafgericht am Karlsplatz, und hatte anschließend seinen Dienst als Aushilfskraft bei der privaten Versicherungsanstalt Assicurazioni Generali am Prager Wenzelsplatz angetreten. Ein Zwölfstundentag war damals keine Seltenheit, und bei sieben Tagen Urlaub im Jahr war an regelmäßiges Schreiben kaum zu denken. Seit Sommer 1908 nun war er bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt beschäftigt und konnte seinen Dienst täglich um 14 Uhr beenden. Zwar rief seit 1911 gelegentlich noch die Asbestfabrik, doch blieb jetzt immerhin häufiger Zeit für einen Spaziergang mit seinem Freund Max, für einen literarischen Abend im Kaffeehaus, etwa mit Franz Werfel und seinem Kreis, und – für das Schreiben in der Nacht. So konnte Kafka nicht nur auf alte Manuskripte zurückgreifen, als er nach Texten für sein Buch Betrachtung suchte, sondern auch auf jüngst Entstandenes, etwa den Plötzlichen Spaziergang, den er Anfang des Jahres 1912 in sein Tagebuch notiert hatte.

 


Das vollständige Nachwort können Sie in unserer Prager Ausgabe von Kafkas Betrachtung lesen.

 

Betrachtung Meditation Franz Kafka


Anmerkungen

 

1. Franz Kafka: Tagebücher, hrsg. von Hans-Gerd Koch, Michael Müller und Malcom Pasley, Frankfurt am Main 1990, S. 327 (im Folgenden T).

2. Klaus Hermsdorf: Briefe des Versicherungsangestellten Franz Kafka, in: Sinn und Form 9 (1957), S. 665f.

3. Franz Kafka am 29. VI. 1912, T, S. 1023.


 
 
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