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Was mir bei meinen Forschungen so alles zustieß...

  • 15. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Mai

Hartmut Binder

Seit ich mich der Erforschung der Lebensumstände Kafkas widme, beschleicht mich immer wieder der Gedanke, als habe der Franz, unfähig den ganzen Fluch seiner Existenz auf seinen schwachen Schul­tern zu tragen, einen Teil davon auf die Nachwelt delegiert, scheint er sich doch jeder genaueren Nach­frage koboldhaft zu entziehen.

Sie wollen ein heute seltenes Operettenlibretto ein­sehen, weil Sie eine Kafka fesselnde Passage ken­nenlernen wollen, auf die er in einem Brief anspielt? Nun, es mag Ihnen gelingen, sich den Text schließ­lich zu beschaffen, doch dürfen Sie ganz sicher sein, daß dann in diesem Exemplar gerade die Seite fehlt, auf die es Ihnen ankommt. Noch schlimmer würde es demjenigen ergehen, der versuchen wollte, das jüdische Volksstück aufzutreiben, das Kafka, weil es ihn mehr als jedes andere Drama faszinierte, so aus­führlich in seinen Tagebüchern beschreibt. Es ist glattweg unauffindbar. Rückblickend wundere ich mich selber, wie ich angesichts dieser Verhältnisse noch den Mut finden konnte, nach der russischen Tänzerin zu fahnden, die Kafka, wie er auch später brieflich seiner Braut versichert, im Frühjahr 1910, als das Zarenballett in Prag auftrat, so sehr begeistert hatte, daß er noch monatelang von ihr träumte. Sie vermuten ganz richtig, wenn Sie annehmen, daß dieses Gastspiel gar nicht stattgefunden und auch die Eduardowa in den russischen Archiven keine kon­kreten Spuren hinterlassen hat.

Bei solchen Mißerfolgen liegt es nahe, sich bei den Nachforschungen mehr an allgemein bekannte histo­rische Monumente und jederzeit greifbare Lokalitäten zu halten, die, sollte man meinen, sich weniger leicht davonmachen können. Aber weit gefehlt! Schon die Tatsache muß ja nachdenklich stimmen, daß die bei­den Prager Wohnungen Kafkas, in denen er alle seine Werke schrieb, durch Kriegseinwirkung zerstört wor­den sind, obwohl eigentlich die ganze Stadt während der deutschen Besatzung so gut wie keine Schäden davongetragen hat. Davon leider unbeeindruckt, ver­suchte ich einmal, einen Wasserspeier am Mailänder Dom zu identifizieren, der Kafkas besondere Aufmerk­samkeit erregt hatte. Soll man es wirklich einen Zufall nennen, daß es deren dort 366 gibt, die einem als Tierfratzen und Dämonenrachen förmlich ins Gesicht springen, nicht aber in der von Kafka beschriebenen menschlichen Gestalt? Wer hier noch zweifelt, wird vielleicht durch das überraschende Sommergewitter überzeugt, das mich, schon durch die vergebliche Suche entmutigt und durch einen heroisch geführten Kampf gegen aufkommende Akrophobie zermürbt, auf dem Dach des Domes überraschte und ganz und gar durchnäßte. Geschlagen ging ich zum Fahrstuhl, doch gerade als ich ihn betreten wollte, kam mir der Gesuchte vor Augen. Allerdings: Jetzt war der Film zu Ende, ein neuer – es war Feiertag – trotz des wimmelnden Lebens auf dem Domplatz nicht aufzutreiben.

Da liegt es in der Konsequenz der Dinge, daß mir jene mißlingende Ankunft, die manche Kafka-Helden aus­zeichnet, gleichsam auf den Leib geschrieben wurde, als ich am Luganer See den Ort St. Marghuerita besu­chen wollte, den unser Prager Freund auf einer Schiffs­reise ansteuerte, die er 1911 von Lugano aus unter­nahm. Das Unternehmen erwies sich jedoch als gänz­lich undurchführbar, weil der malerische kleine Flecken in diesem Sommer weder mit dem Schiff noch mit dem Sessellift erreicht werden konnte, die beiden einzigen Verbindungswege, die die Steilküste am Südufer zuläßt. Auch der naheliegende Ausweg, die Sache brieflich anzugehen, erwies sich als glatter Fehlschlag. Entweder kam gar keine Antwort, oder ich erhielt sie aus Santa Marghuerita Ligure an der italienischen Riviera.

Überhaupt kann wegen der damit verbundenen Ge­fahren, nur nachdrücklich vor solchen Forschungen gewarnt werden! Als ich versuchte, mit Hilfe eines gemieteten Bootes eine geheimnisvolle Villa zu photo­graphieren, die Kafka während der erwähnten Ver­gnügungsfahrt aufgefallen war, rutschte ich auf dem glitschigen Ufer aus und fiel ins Wasser. Noch schlim­mer erging es einem australischen Kollegen, der mit hebräischen Xerokopien im Koffer nach Prag reisen wollte, um an Ort und Stelle seine Quellenstudien fortzusetzen. Ihm wurde wegen dieser verdächtlichen Papiere rundweg die Einreise verweigert!

Man wird vielleicht wissen wollen, wie man bei derart widrigen Umständen zu Ergebnissen kommt, die jetzt sogar als dickleibiges Buch unter die Leute gebracht werden sollen. Meine Antwort: Man versuche das Aussichtslose, vertraue dem Zufall und halte sich im übrigen an die Erkenntnisse, die Kafkas Werke bereit­stellen. Als ich vor vielen Jahren während eines Prag- Aufenthalts in die damals noch unveröffentlichten Briefe Kafkas an seine Lieblingsschwester Ottla Ein­sicht nehmen wollte, war die im Böhmerwald wohn­ende Eigentümerin nicht bereit, mir diese Dokumente zu zeigen. Obwohl ich schon bei einer persönlichen Zusammenkunft in Prag abschlägig beschieden worden war, erhielt ich zusätzlich am späten Abend dieses Tages eine telefonische Botschaft, die bestä­tigte, wie unerwünscht, und zwar aus verschiedenen, auch politischen Gründen, meine Anwesenheit in dem kleinen, an militärisches Sperrgebiet grenzendes Nest im Böhmerwald sein würde.

Ich aber dachte an den Mann vom Lande in Vor dem Gesetz, dem verboten wird, durch den doch für ihn bestimmten Eingang des Gesetzes ins Innere zu gehen. Meine Überzeugung, der Mann vom Lande werde gleichsam auf einer Prachtstraße ohne jede Schwierigkeit hinein geleitet werden, wenn er nur

wage, trotz des Verbotes einzutreten, konnte ich jetzt, und sogar am historisch richtigen Ort, in der empi­rischen Realität verifizieren. Unverzüglich suchte ich das Grenzdort auf, wo mir ein herzlicher Empfang zuteil wurde. In einer großen Bauernstube stand in der Mitte eines Tisches die ersehnte Schatulle, die mir bald ihre Geheimnisse preisgab, und in der da­neben liegenden Küche war man emsig dabei, mir ein üppiges Mahl zu bereiten, auf daß es mir nicht an Kräften fehle, bei der löblichen Arbeit.

Wenn man freilich Personen identifizieren will, von denen aus Kafkas Lebenszeugnissen nur der Name bekannt ist, hat man andere Gesetze zu beachten. Warum sollte es schwierig sein, eine in einem Brief erwähnte „Frau Thein“ zu finden, über den weiteren Ver­bleib ehemaliger Prager Volksgenossen Kafkas Aus­künfte zu erhalten, vor allem, wenn es sich um normale Erdenbürger handelt, die als Nichtliteraten natürlich in den Bibliotheken keine dokumentarische Spur hinterlassen? In diesem Falle kann man sich nämlich mit dem Landarzt trösten, wie das schon der Ver­fasser dieser Erzählung tat: Ist es nicht möglich, daß aus dem verfallenen Schweinestall Pferde und Knecht kriechen, die dann die ersehnte Fahrt des Arztes ermöglichen? Und liegt nicht, so ein Tagebucheintrag Kafkas, „die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle“ bereit, „in der Tiefe un­sichtbar?“ Ich schrieb also an Nelly Engel in London, der Schwester von Kafkas Hebräischlehrer Friedrich Thieberger, mit der ich schon lange Jahre korrespon­diert hatte und sie wußte „natürlich“ die Anschrift der in New York lebenden Frau Thein. Die 80jährige war, als sie meinen Brief erhielt, gerade dabei, ihrer Tochter Erinnerungen an Kafka zu erzählen, die sie mir in einem langen Schreiben bereitwillig zur Ver­fügung stellte. Auf ähnliche Weise gelang es dann schließlich auch, das Geheimnis der russischen Tän­zerin aufzuklären.

 
 
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