Als Kafka die Schulbank drückte
- 20. März
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Mai
von Harald Salfellner
Es ist nicht allzuviel, was wir von Kafkas Schulzeit wissen. Das Wenige entstammt Mitteilungen in seinen Briefen, insbesondere seinem 1919 verfaßten Brief an den Vater. Manches Motiv haben Mitschüler und Zeitgenossen notiert, als der Verblichene längst zur literarischen Ikone geworden war – Hugo Bergmann, Gustav Janouch oder Hugo Hecht. Auch von Max Brod, dem unermüdlichen Wegbereiter Kafkas, erfahren wir Erhellendes. Interessante Einzelheiten haben Kafkaforscher wie Hartmut Binder, Anthony Northey oder Klaus Wagenbach aus Archiven ans Licht gehoben. Nicht wenige der Angaben in der endlosen biographischen Literatur sind jedoch spekulativ, ideologisch getönt oder schlicht – unreflektiert abgeschrieben. Es ist also kaum mehr als ein verschwommenes Bild, das wir vom Schüler Kafka haben.

***
Zwischen dem Altstädter Ringplatz und dem Kleinen Ring, dem einstigen Apothekerviertel der Stadt, steht ein im Kern spätgotisches Giebelhaus, das sich mit seinen biblischen und antiken Sgraffiti deutlich von den umliegenden Gebäuden abhebt.

Im 19. Jahrhundert werden in der Apotheke im Erdgeschoß Salben gerührt und Tränklein gebraut. An diese alte Offizin Zum weißen Löwen erinnert noch der Leu am Gebäudeeck, mit einer Wappenkartusche in den Pranken. Den Magistri der Pharmazie folgt in der zweiten Hälfte des Säkulums ein Trafikant, der in dem Gewölbe Zigarren, Zeitungen und Waren „im Einzelnen“ anbietet, oder wie es im Italienischen heißt: „al minuto“. Unter dem Namen Zur Minute oder kurz Minuta kennt man das Haus noch heute. Der auffällige Kratzputz ist verdeckt, als das Ehepaar Kafka im Juli 1889 mit seinem sechsjährigen Sohn die Dreizimmerwohnung im Ersten Stock bezieht, und auch der Laubengang ist geschlossen und soll es noch bis ins ferne Jahr 1938 sein.

Bis weit in die Gymnasialzeit hinein wohnt Kafka im Haus Zur Minute. Die enge Wohnung ist tagein tagaus der Spielplatz des Buben, kein Wunder, daß es Franz in schönen Stunden vor die Haustür hinauslockt, nur wenige Meter vom Altstädter Ringplatz entfernt. Erst nach und nach weitet der Knabe sein Territorium aus, erforscht weitere Gassen und Plätze in der unmittelbaren Umgebung. Früh schon betrachtet er die Prager Rathausuhr, im Tschechischen „orloj“, mit ihrem astronomischen Ziffernblatt, dem Kalendarium mit den Allegorien der zwölf Monate, den Symbolen der Tierkreiszeichen; er sieht den Sensenmann, die Ritter und die anderen Gestalten unter den gotischen Baldachinen. Wie oft der Knabe wohl zu den Aposteln hinaufschaut, die hoch oben zur vollen Stunde ihre Kreise ziehen!

Auch den goldenen Hahn mustert er, dessen heiseres Krähen er schon so oft gehört. Wenige Meter weiter ragt auf dem Ringplatz die barocke Mariensäule in den Himmel, an den Stufen ihres Podestes sitzt der Knabe und beäugt die vorbeieilenden Passanten. In der Adventzeit stehen hier die Buden und Stände des Nikolausmarktes, tschechische Händler preisen den Vorübergehenden Zuckerzeug und heiße Maroni an.
An manchen Tagen trippelt der Knirps an der Hand der Gouvernante über die Eisengasse dem Graben und weiter dem belebten Wenzelsplatz zu, dann wieder gehts mit dem Kindermädchen durch die Melantrichgasse auf den Gallusmarkt. Auf der anderen Seite des Rathauses weiß Franz die geheimnisumwitterte Welt der alten Judenstadt, wohin ihn der Vater gelegentlich in die Zigeuner-Synagoge führt. Nur wenige Minuten sind es zu dem großen Stadthaus in der Plattnergasse, wo der würdige Onkel Angelus wohnt, und einige Meter weiter öffnet sich das Gassengewirr zur Karlsbrücke hin, und ihren vielen Brückenheiligen. Über die Brüstung sieht Franz den Hradschin, die alte Kaiserburg. Wieder ein anderes Mal marschiert er an der Seite des Kindermädchens in die Zeltnergasse, am Sixenhaus vorbei, wo er noch kürzlich mit seinen Eltern gewohnt hat, und weiter geht’s entlang eleganter Geschäfte und Schaufenster bis zum gotischen Pulverturm. In entferntere Stadtviertel wandert er mit seinen Eltern, wenn sie sich zum sonntäglichen Spaziergang aufmachen. Auf die Kleinseite und den Laurenziberg etwa, oder über den Kettensteg hinauf zu den Chotek-Anlagen unter dem Belvedere, hoch über den Dächern der alten Stadt. Zuweilen besuchen Franz und die Eltern den Großvater in der Gerstengasse Nr. 9 (II-1433), ein paar hundert Meter vom Karlsplatz entfernt. Der Knabe freut sich auf das weiche, mit Butter bestrichene, Brot, das ihm die Großmutter zu geben pflegt.

Vom Haus Zur Minute aus, dem Nabel seiner Welt, tritt das zarte Büblein am Montag, dem 16. September 1889 das erste Mal den Weg in die k. k. Knabenvolksschule mit deutscher Unterrichtssprache in Prag-Altstadt an. Die Mutter hat ihn in die Fleischmarktgasse Nr. 16 begleitet, nun wartet sie vor dem Klassenzimmer. Aus der Nachbarschaft kennt sie Frau Hecht, die jetzt neben ihr sitzt. Klassenlehrer Hans Markert weist Franz und den anderen Kindern seines Jahrgangs die Sitzplätze in den Holzbänken zu. Nach einigen gemessenen Worten unter dem Bildnis Seiner kaiserlichen Majestät sind die Buben auch schon wieder in die Obhut der wartenden Mütter entlassen. Seite an Seite schreiten Frau Kafka und Frau Hecht nun ihren Behausungen zu, voran die beiden Söhne Hugo und Franz, im Vollbesitz ihrer nunmehrigen Schülerwürde.
Nur eine kurze Zeremonie ist es gewesen, und doch markiert sie eine wichtige Zäsur für Kafka: Der sprichwörtliche Ernst des Lebens hat begonnen, zugleich locken unbekannte Welten jenseits des engen Elternhauses. Vor Kafka liegt eine Zeit des Lachens, „wie es vielleicht in dieser Herzlichkeit nur Volksschülern in ihren Schulbänken gegeben ist“.1 Gleichzeitig freilich auch eine Zeit der Ängste: „Niemals würde ich durch die erste Volksschulklasse kommen, dachte ich, aber es gelang, ich bekam sogar eine Prämie“.2
Das vollständige Nachwort können Sie in unserer Prager Ausgabe von Kafkas Kein Schüler lesen.
Dr. med. Harald Salfellner, Ph. D ist Verleger, Medizinhistoriker und Autor mit besonderem Interesse für die böhmisch-österreichische Kulturgeschichte und den Prager Schriftsteller Franz Kafka.
Anmerkungen
Franz Kafka am 8./9. Januar 1913 an Felice Bauer, in: Br II, S. 29.
Franz Kafka: Brief an den Vater, in: NS II, S. 196.



